Im Dunkeln auf dem Sportrodel ins Tal zu düsen, geleitet vom Licht einer Stirnlampe, zählt für
Werner Friedl zur Kategorie „gewöhnlicher Winterabend“. Noch gewöhnlicher ist für ihn, dass
der Rodel, auf dem er sitzt, von ihm selbst gefertigt wurde. Denn Friedl ist Rodelbauer – nicht mehr als eine Handvoll gibt es von ihnen im bayrischen Raum. Warum er sich auf Sportrodel spezialisiert hat? Sie sind schneller und im Gegensatz zum herkömmlichen Schlitten lenkbar.

„Wie ein Ferrari auf einem Parkplatz voller normaler Autos stand er da.“ Werner Friedel erinnert sich schwärmerisch daran, wie er zum ersten Mal einen Rennrodel sah. Vor siebzehn Jahren unternahm Friedl eine Skitour in die Ammergauer Alpen. Als er in einer Hütte einkehren wollte, standen neben dem Eingang einige Holzschlitten. Was allerdings Friedls Blick auf sich zog, war ein feuerroter Rennrodel, der unter den hölzernen Gefährten hervorstach. Er weckte den Ehrgeiz des gelernten Schreiners, denn als Mann vom Fach hatte Friedl sofort die Idee, sich seinen eigenen Rennrodel zu bauen.

Ein Jahr später sitzt der frischgebackene Rodelbauer auf seinem selbstgebauten Prototyp. Friedls Urteil: „Nicht schlecht, aber das geht noch besser.“ Um sich für den Rodelbau zu inspirieren, schaut er sich in Sportgeschäften um und besucht Rodelbauer in Südtirol. Der zweite Versuch in seiner kleinen Heimwerkstatt in Burggen bei Schongau glückt schließlich mit der Bilanz: „Der Rodel ist brauchbar.“ Wenngleich es auch kein Rennrodel ist, sondern ein Sportrodel. Die Unterschiede der verschiedenen Schlittenarten sind denkbar einfach: Der klassische Holzschlitten, mit dem man als Kind den Hügel hinuntergesaust ist, lässt sich nicht lenken, der Sportrodel schon, denn er verfügt vorne über Schnüre. Lenkbar ist auch der Rennrodel, seine tiefe und sehr bewegliche Bauweise macht ihn allerdings zum Exoten. Eingesetzt wird der Rennrodel ausschließlich auf Eisbahnen.

Weil der Kreis der Rodel-Interessierten längst über Familie und Freunde hinausgewachsen ist, gründet der Berufsschullehrer zum Nebenerwerb die Firma „Rodelbau Friedl“ – einen Familienbetrieb mit Frau und Sohn. Im Sommer herrscht Hochbetrieb in Sachen Vorbereitung, damit das rohe Gestell der Schlitten bis zum Winter schon fertig ist und dann nur noch die individuelle Gestaltung für den Kunden umgesetzt werden muss. Wenn Heilig Abend in Kürze vor der Tür steht, brennt auch um zehn Uhr nachts noch das Licht in Friedls Werkstatt.
Neu sind seit 2018 die Kinderrodel. „Zuerst wird einem ja Himmelangst, wenn die Kleinen sich draufsetzen und ungebremst den Hügel runterfahren“, gesteht Werner Friedl, den seine zweijährige Enkeltochter zum Bau von Kinderrodeln angespornt hat. „Aber Kinder gehen da einfach ohne Angst ran und sie lernen viel schneller, mit dem Rodel umzugehen, als ein Erwachsener.“ Im Vergleich wäre das Skifahren deutlich gefährlicher. Auch viele Rentner schätzen den Sportrodel, um nach einer Wanderung bequem zurück ins Tal fahren zu können.

Es darf nicht rosten

Nachhaltigkeit ist der Familie Friedl wichtig. So beziehen sie das Buchenholz für ihre Rodel von Holzhändlern aus der Umgebung: kurze Wege und heimisches Holz. Die Schnüre zum Lenken werden im Nachbarort Peiting eigens für Friedl gewoben. „Heutzutage sind die Leute dazu bereit, für ihre Freizeit Geld auszugeben. Eine hohe Qualität ist ihnen wichtig.“ Deswegen montiert Friedl an seine Schlitten auch ausschließlich Laufschienen aus Edelstahl, die nicht rosten.
Dass Werner Friedl einen Hang zum Adrenalinkick mit Zeitstopp hat, zeichnete sich bereits früh ab. „Als Kinder haben wir beim Skifahren mit Stecken von Haselnusssträuchern Strecken markiert und mit der Armbanduhr
die Zeit gestoppt.“ Älter ist der 61-Jährige zwar geworden, ruhiger aber nicht. „Die Drehhütte in Schwangau ist bei uns das Mekka zum Rodeln.“ Ungezählte Male ist Friedl mit seinen Freunden von dort abends mit Stirnlampe ins Tal gefegt. „Da braucht man gar nichts mehr zu sagen. Bei uns ist jede Fahrt ein Rennen.“ Wie gut, dass er sich mittlerweile seinen ganz persönlichen Ferrari-Schlitten bauen kann.

 

Kontaktdaten:
Rodelbau Friedl
Im Eschle 6
86977 Burggen
Telefon: 0 88 60 17 65
www.rodelbau-friedl.de