Vor 18 Jahren gründete Bernhard Leismüller die Marionettenoper in Lindau. Zehn Inszenierungen brachten er und sein zehnköpfiges Team seither auf die Bühne.
Bei einem Rundgang hinter der Bühne erfahren wir viel über die Anfänge und die Herausforderungen des Marionettenspiels.

Da hängen sie über mir, Hunderte kleine Füße. Manche stecken in Schuhen, manche in Stiefeln und wieder andere sind nackt. Manche gehören zu Prinzessinnen, andere zu Soldaten oder Förstern. Nur eines haben sie alle gemein: An ihren Sohlen kleben kleine Filzstücke. Diese sorgen dafür, dass die Füße auf der Bühne nicht so laut sind, erklärt Bernhard Leismüller, Gründer und künstlerischer Leiter der Marionettenoper in Lindau. Gemeinsam gehen wir durch den Bereich hinter der Bühne. Es riecht nach Holz, ein wenig nach Staub und alles ist wunderbar bunt.

Alles ist verspielt
Zwangsläufig fühle ich mich wie ein Kind im Spielzeugladen. Hier ein kleiner Bus, dort eine Gruppe von Holztieren, geschnitzte Kanonen und zahlreiche Kulissen, die so lebhaft bemalt sind, dass man am liebsten gleich mit den Puppen in ihnen spielen möchte. Auf einer runden Platte steht eine Schuhplattler-Gruppe. Drei Frauen in Tracht, dazu zwei Männer in Lederhose. Dreht man an einer Kurbel, drehen sich die Frauen und ihre Röcke spannen sich zu großen Kreisen, genau wie bei den echten Tänzerinnen. All das hier hat Bernhard Leismüller selbst erdacht, gestaltet und gebaut. Auf über 450 selbst gefertigte Marionetten kommt der in Bad Tölz geborene Opernleiter bisher. Dazu zahlreiche Kostüme, Fahrzeuge und Kulissen.

Schon als Kind war er von den Marionetten begeistert
Begonnen hat alles im Alter von elf Jahren. Bernhard Leismüller sah eine Vorstellung von „Die Entführung aus dem Serail“ des Bad Tölzer Marionettentheaters und war verzaubert. Fortan ließen ihn die Puppen an ihren Fäden nicht mehr los. Und so verbrachte er fast jede freie Minute am Theater, freundete sich mit den Puppenspielern an und durfte wenig später sogar eine kleine Rolle in einem Stück übernehmen. Nach Abschluss der Schule und einer Lehre als Florist wendete er sich wieder ganz dem Puppenspiel zu und ließ sich zum professionellen Puppenspieler ausbilden. Die Idee, eine eigene Marionettenbühne zu eröffnen, stand dabei allerdings nicht auf dem Plan. Erst als ein Wechsel an eine größere Marionettenbühne platzte, beschloss Bernhard Leismüller, seine eigene Bühne zu eröffnen.

Lindau meldete sich als erstes
„Ich hatte dazu allerdings weder das Kapital noch Mitstreiter“, erzählt er in der Kantine des Theaters. Auf der Suche nach einem möglichen Spielort stieß Bernhard Leismüller auf Konstanz oder Lindau. Beide Orte lagen weit genug von der nächsten Marionettenbühne entfernt, sodass man sich keine Konkurrenz machen würde. Und beide Orte boten eine hohe Lebensqualität. „Ich wollte wo hin, wo es schön ist, denn ich komme aus Bad Tölz und da ist es sehr schön“, erklärt Leismüller mit einem verschmitzten Lächeln. Lindau reagierte sofort auf seinen Vorschlag und bot ihm einen Saal im Stadttheater an.

Sechs Monate bis zur ersten Premiere
„Von da an hatte ich nur sechs Monate Zeit, die Oper auf die Beine zu stellen, sonst wäre ich pleite gewesen.“ Eilig rekrutierte Leismüller Mitspieler und unterrichtete diese in den Grundlagen des Puppenspiels. Zudem wurde eine improvisierte Bühne gebaut. Sechs Monate nach Gründung der Marionettenoper gab es dann die erste Premiere. „Das war noch alles ziemlich improvisiert“, erzählt Leismüller amüsiert. „Aber die Menschen in Lindau haben uns von Anfang an unterstützt.“ Und so wurde aus der ersten Premiere die zweite und so weiter. Zehn Inszenierungen sind es in den letzten 18 Jahren geworden. Mit Schwanensee ist sogar ein Ballett darunter.

Fast alles aus einer Hand
Die Marionetten baut Leismüller bis heute alle selbst. Auch die Kleidungsstücke von Uniform, über Anzug bis zum opulenten Kleid werden von Leismüller entworfen und geschneidert. Zudem zeichnet und baut er die Kulissen. Bemalt werden sie anschließend von einer gelernten Theatermalerin. Das handwerkliche Talent liegt bei den Leismüllers in der Familie. Urgroßvater, Großvater und Vater waren Holzschnitzer. Die vielen handwerklichen Schritte fordern aber auch ihren Tribut: Eineinhalb Jahre dauert es bis eine neue Inszenierung der Marionettenoper Premiere feiern kann.

Jeder Einsatz muss genau passen
An dem Sujet Oper begeistert Leismüller besonders die Koordination von Musik, Gesang und Bewegung. „Wir verwenden für unsere Inszenierungen ja Aufnahmen der jeweiligen Oper. Deshalb müssen die Puppenspieler sehr präzise arbeiten.“ Es kann nichts improvisiert werden und man kann auch nichts noch einmal machen. Die Puppenspieler müssen perfekt aufeinander abgestimmt spielen, damit jeder Einsatz und jede Bewegung genau passt. So verwundert es nicht, dass die Ausbildung zum Puppenspieler oder zur Puppenspielerin mehrere Jahre dauert. „Man kann schon nach ein paar Monaten kleine Rollen übernehmen“, erklärt Leismüller. „Nach drei Jahren ist man dann ein ausgebildeter Puppenspieler, aber es dauert bis zu acht Jahre, bis man die Marionetten wirklich in allen Facetten beherrscht.“

Die Lindauer Marionettenoper ist deshalb immer auf der Suche nach Menschen, die interessiert sind, das Puppenspiel zu erlernen – ob als ambitionierter Amateur, oder sogar als Profi.

Ausbildung zum/zur Puppenspieler/in

Wer möchte sich umorientieren und wünscht sich eine kreative Beschäftigung?
Die Marionetten-Oper Lindau sucht ­Menschen, die Marionettenspieler/in werden wollen. Voraussetzungen dafür sind viel Zeit, Engagement, Musikalität, Teamfähigkeit und ein gesunder Rücken! Da die Ausbildung nur langfristig Sinn macht, sollte der Wohnort in
der näheren Umgebung von Lindau sein.
Kontakt: Telefon: 0 83 82 / 9 11 39 11, info@marionettenoper.de

Kontaktdaten:
Lindauer Marionettenoper im Stadttheater
Fischergasse 37
88131 Lindau
www.marionettenoper.de