Es ist ein Sammelsurium an alten Kutschen, Schlitten, Figuren und allerlei Gegenständen – das Kutschenmuseum in Hinterstein. Manch ein Besucher mag mit der Hand abwinken und
es als Kitsch abtun. Ein Museum, das historische Fakten aufbereitet, ist es wahrlich nicht. Dafür ein Ort, an dem man Raum und Zeit vergessen kann.

Gerade in den Morgenstunden unter der Woche, wenn die Sonne gerade erst die Gipfel der umliegenden Berge bezwungen hat, liegt Hinterstein still und verlassen da. Es ist wie eine Reise ans Ende der Welt. Der ein oder andere Wanderer bricht früh zu einer langen Tour auf. Im Dorf weisen Schilder den Weg zum Kutschenmuseum, das man innerhalb einer Viertelstunde zu Fuß erreichen kann – ein Katzensprung. Eine überdachte Holzbrücke führt über die Ostrach, deren glasklares Wasser an den tiefen Stellen in einem hellen Türkiston schimmert. Nach einer Kurve blitzt bereits das rot geziegelte Dach eines neu gebauten Holzstadels auf. Ein Steinbock mit mächtigen Hörnern, ein trinkender Hirsch und ein stämmiges Hausschwein begrüßen den Besucher – die Tiere sind aus Metall gefertigt. An den Außenwänden des großen Holzbaus hängen urige, hölzerne Wagenräder und Malereien der Bergwelt.

Durch eine schwere Holztür
Über eine Steintreppe geht es zum verborgenen Eingang in den ersten und größten Stadel. Schwer hängt die alte Holztür in den Angeln, die sich nur unter beherztem Zug mit einem vernehmlichen Knarzen öffnen lässt. Ein mulmiges Gefühl schleicht sich ein. Der Raum liegt im Dunkeln. Sobald die Augen sich ein wenig an die Finsternis gewöhnt haben, treten mysteriöse Schemen aus ihr hervor. Der Schritt über die Schwelle ins Innere wirkt befreiend: Klick! Ein Bewegungsmelder knipst das Licht an, Wasser plätschert beruhigend und träumerische Musik dringt ans Ohr.
Im ersten Moment sind die Sinne überfordert. Wo ist die Quelle des Wassers? Gurgelt es nicht aus verschiedenen Richtungen? Die Augen flitzen einmal quer durch den Raum, ohne sich einen Überblick verschaffen zu können. Ausgestopfte Tiere lauern an jeder Ecke, Puppen sitzen auf großen, altertümlichen Kutschen, künstliche Pflanzen ranken sich am Gebälk in die Höhe. Bücher türmen sich auf dem Boden vor einem goldgerahmten Spiegel. Auf ihnen thronen eine ebenfalls in Gold gehaltene Uhr und kleine Porzellanpüppchen. In einem Winkel wartet ein Klavier auf mutige Finger, die es wagen, ihm in der geheimnisvollen Stimmung Töne zu entlocken. Ein ausgestopfter Luchs harrt bedrohlich auf einem Fels direkt daneben, als wolle er den Törichten anfallen, der die Ruhe mit dissonanten Klängen stört.

Jedes Detail lohnt sich
Der Raum ist voll. So voll, dass man seine Schritte mit Bedacht setzen muss, will man keine Schneise der Zerstörung hinterlassen. Und doch macht sich nach der anfänglichen Überforderung eine traumversunkene Atmosphäre breit. Losgelöst von der Wirklichkeit, als wandele man durch eine surreale Welt. Plötzlich will man jedes noch so kleine Detail in sich aufsaugen, die hintersten Nischen dieser Welt aufspüren. Schließlich kommt der Moment des Erwachens. Auf der Hinterseite des Stadels geht es durch einen schmalen Verschlag unter einem Tuch hindurch gebückt zurück nach draußen. Für die Nase ist die frische Luft eine Wohltat.

Kleine Kutschen und Pferde
Im großen Garten tummelt sich eine Vielzahl an kleinen Kutschen und Schlitten, die mitunter von metallenen Pferden gezogen werden. Steinmännchen säumen den gekiesten Weg, Windspiele klimpern bei starkem Luftzug. Ein kleiner Schuppen lädt zur Besinnung ein: Dort kann man Buddha, Jesus und Maria in hölzernen Nischen und Grotten nahe sein. Platzangst ist in diesem kleinen Bau besonders fehl am Platz, denn um in die Grotten zu gelangen, muss man sich tief ducken und kann sich kaum um die eigene Achse drehen.

Eine entrückte Welt
Mit Schnee überzuckerte, kleine Tannen, goldene Laternen mit rotem Licht und cremefarbene Schlitten, auf denen Puppen herrisch Platz nehmen, die russischen Zaren anmuten: Der Schuppen mit der Aufschrift „Dr. Schiwago“ betört mit winterlichem, märchenhaftem Charme. Durch die verspiegelten Wände entsteht eine besonders fantasievolle, entrückte Welt. Ein ausgestopfter Fuchs kuschelt sich in einer Ecke auf den Holzboden. Schneeflocken zieren seinen flauschigen Pelz. Er sieht ein wenig ängstlich aus, was ihm nicht zu verdenken ist. Unweit steht ein prunkvoller, wenngleich düsterer Schatz: ein riesiger Bestattungswagen aus Böhmen/Mähren, der etwa 140 Jahre alt ist. Blumenschmuck, Engel und rote Laternen dekorieren das wohl teuerste Stück der Sammlung. Der Wagen lässt dem Besucher einen kalten Schauer den Rücken hinunterrieseln und doch zieht er in den Bann.

Ein Museum zum Anfassen
Auf dem Weg zurück zum Parkplatz ist man noch wie in Trance. Die Gedanken schwirren weiterhin durch die ferne Welt, wollen sich nicht losreißen. Es ist ein seltsames, abwesendes Gefühl, das das Kutschenmuseum hinterlässt. Grund dafür ist sicherlich auch, dass es keinem herkömmlichen Museum gleicht. Es geht weniger um Fakten und Geschichte, als um die Wirkung der altertümlichen Kutschen vergessener Zeiten. Ein Museum zum Anfassen, zum Fühlen und zum Träumen.

Öffnungszeiten:
Täglich 8-20 Uhr
Eintritt: Der Eintritt ist frei, Spenden sind willkommen
Anfahrt: Über Bad Hindelang,
Ostrachstraße und Talstraße
nach Hinterstein
Parken: Im Rauhornweg,
Parkplatz „Auf der Höh“

Hinweis: Keines der aus­gestopften Tiere wurde zum Zweck der Ausstellung getötet. Sie stammen größtenteils aus Nachlässen.